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Oh la la! Die spinnen, die Gaullisten!

Zwischen dem groß gewachsenen General de Gaulle und dem kleinen gallischen Krieger Asterix ist die charakterliche und äußere Ähnlichkeit (große Nase!) schon länger bekannt. Die Comicreihe nimmt ja die französische Politik der 60er und 70er Jahre aufs Korn. Die Karikatur ist mal gelungen – Jacques Chirac als ambitionierter Jungarchitekt Technokratus in Obelix GmbH & Co. KG –, mal weniger, insbesondere seit dem Tod von Texter René Goscinny, etwa bei der Darstellung der politischen Spaltung des Landes in ein linkes und rechtes Lager im Großen Graben.

Anders herum, und diese Tatsache fand bisher zu wenig Beachtung, wird das politische Leben in Frankreich neuerdings von den Abenteuern des kleinen Galliers beeinflusst. So fällt bei François Hollande eine gewisse Ähnlichkeit mit dem gutmütigen Wirten Orthopädix auf, der sich zunächst dafür ausspricht, dass es an bestimmten Tagen „nur Fisch geben darf“, nach ersteren Protesten aber beschließt, dass „an Fischtagen auch Fleisch [gereicht wird] und umgekehrt“ (Das Geschenk Cäsars). Und offenbar lässt sich Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler insgeheim von Orthopädix’ Frau Gelatine inspirieren: ehrgeizig, eifersüchtig, streitlustig.

Als noch profundere Asterix-Kenner entpuppten sich jedoch die konservativen Politiker von Ex-Staatschef Sarkozys UMP. Gestaltete sich zunächst der Machtkampf zwischen François Fillon und Jean-François Copé nach allen Regeln eines Kampfes der Häuptlinge, so wurde bei genauerer Betrachtung klar, dass ein weiteres Vorbild im Streit um Asterix liegt, ja in dessen ruhrdeutschen Version Zoff im Pott. Recht bezeichnend waren ferner die gegenseitigen Bezichtigungen der Wahlfälschung. Hier ist die Quelle eindeutig Asterix auf Korsika: „Die Urnen sind vor dem Wahltermin voll? –Natürlich. Aber wir werfen sie ins Meer, ohne sie geöffnet zu haben, und dann gewinnt der Stärkere. So ist es bei uns Brauch.“

Spätestens seit Fillon eine eigene Fraktion gegründet hat, ist offensichtlich geworden, dass seine Bettlektüre Asterix bei den Goten ist. Der unaufhörliche innergotische Hader bringt den Druiden Miraculix zu der schadenfrohen Feststellung (hier in der bairischen Version von Hans Well): „De schlogn si no 1000 Johr lang gegenseiti an Schädl ei und lassn so wenigstens eahnare Nachbarn in Ruah“. Im Frankreich der 60er Jahre bezog sich dieser Satz zwar noch auf Deutschland – man denkt an die spöttische Bemerkung von Schriftsteller François Mauriac: „Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich mir sogar zwei davon wünsche“. 2012 aber ist es die UMP, die es zweimal gibt, ganz zu schweigen von weiteren, so genannten „blockfreien“ (non-alignés) Kämpen um Bruno Lemaire oder Nathalie Kosciusko-Morizet.

Sollen sich Präsident Hollande und Premierminister Ayrault wie Miraculix über diese Zersplitterung des Gegners freuen? Die Kluft wird ja noch weiter vertieft durch die neuerliche Gründung einer gemäßigten, „zentristischen“ Union des Démocrates et des Indépendants (UDI) durch Jean-Louis Borloo – ex-Umweltminister, ex-Nr. 2 der Fillon-Regierung und Epigone in Baccho der Legionäre Claudius Lapsus (Asterix bei den Briten) und Keinentschlus (Geschenk des Cäsars).

Profitiert die politische Kultur von der Krise des bürgerlichen Lagers? Gefährlich erscheint vor allem die ideologische Nähe der Copé-Linie und des Leitantrags „La Droite forte“ mit Marine Le Pens Front National – dieser Antrag erhielt bei der UMP-Urwahl über 40 000 Stimmen (ca. 28%) und somit die höchste Zustimmung durch die Parteimitglieder. Gewiss, ein solcher Rechtsruck bedeutet taktisch für die Regierung Ayrault und die PS die Möglichkeit, die Mitte zu besetzen. Jedoch kann es für eine Demokratie nicht gut sein, wenn eine der beiden großen Regierungsparteien (in Deutschland würde man von Volksparteien sprechen) sich so weit nach rechts außen begibt und hinter kaum vorgehaltener Hand Fremdenhass schürt.

Man kann also nur hoffen, dass das Fillon-Lager die Oberhand zurückgewinnt, und dass der demokratische Diskurs wieder in gemäßigtere, geregeltere Bahnen verläuft. Am Ende soll in dem kleinen, uns wohl bekannten gallischen Dorf wieder Frieden herrschen.

Emmanuel Faure

Zur weiteren Lektüre:

Für Asterix-Fans ein schon etwas älterer, jedoch sehr gelungener und immer noch aktueller Zeit-Artikel von Andreas Kilb: www.zeit.de/1991/44/friede-den-hinkelsteinen

Wer auch französisch liest, findet in Michel-Antoine Burniers Buch Que le meilleur perde! (= Möge der Beste verlieren! Éloge de la défaite en politique. Paris, 2012, Plon) einen weiteren, höchst ironischen Ansatz: Burnier vertritt die These, dass Politiker alles tun, um Wahlen zu verlieren, da es sich in der Opposition viel bequemer lebe als an der Macht. Schade nur, dass es keine deutsche Fassung gibt. Eine genaue Übersetzung würde wegen der extremen Fokussierung auf Frankreich kaum lohnen – immerhin wird Angela Merkel lobend erwähnt als eine Politikerin, die durch ihren strikten Sparkurs bemüht ist, nicht nur ihr Land, sondern ganz Europa in den Ruin zu treiben. Man könnte sich aber eine eingedeutschte Fassung sehr gut vorstellen, in der Helmut Kohl als ewiger Loser, Oskar Lafontaine hingegen als politisches Genie dargestellt würden.

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